Sonntag, 18. November 2012

Es ist nun schon viereinhalb Monate her, dass du einfach gingst. In stillen Minuten tut es heute noch weh daran zu denken. Du gingst einfach so und genau genommen wusste ich es. Ich hab es nicht ernstgenommen. Dachte, es wäre besser geworden. Ich hatte es mit eigenen Augen gesehen. Freitag sahst du schrecklich aus. Dein Bauch war total aufgebläht, deine Gesichtszüge in sich zusammengefallen, deine Schultern abgemagert. Du gefielst mir so nicht. Sonntag hingegen war es besser. Deine Stimme hörte sich lebhafter an, dein Gesicht sah auch wieder lebhafter aus. Du machtest deine Scherze, so wie du es immer getan hattest. Ich höre mich am Freitagabend zu Papa noch sagen "Papa, tu was, er sieht aus, als würde er sich in den Tod leiden". Ich selbst war Freitag kurz davor den Krankenwagen zu rufen. Doch ich tat es nicht. Ich wusste, du würdest es nicht wollen. Ich dachte, es würde wieder besser werden. Du warst immer so stark. Du hast nie aufgehört zu lachen. Doch diesen Freitag schon. Ich bat Papa darum, etwas zu tun. Montag deinen Arzt anzurufen. Dir zu helfen. Er sagte, er würde Montag etwas tun.
Sonntag verabschiedete ich mich von dir. Ich umarmte dich lange, sagte dir, du würdest heute besser aussehen und wenn ich wiederkomme, seist du bitte gesund. Du hast gelächelt bei diesen Worten.
Dienstagmorgen rief Papa mich an. Er sagte etwas zu mir, mein Handy glitt mir aus der Hand und mein Gesicht vergrub ich heulend in meinem Kissen. J. nahm mein Handy und redete mit meinem Vater, während ich ununterbrochen in das Kissen weinte. Du bist von uns gegangen.
Ich machte mir Vorwürfe, dass ich nicht selbst was getan habe. Ich hab es gewusst. Ich hab es sogar ausgesprochen, auch wenn ich das da eher weniger ernst meinte. Ich fragte mich, wie Oma sich fühlte. Sie hatte dich im Bett aufgefunden. Kalt. Leer. Ich fragte mich, ob Oma sich Vorwürfe machte, dass sie nicht selbst was unternommen hat. Ich fragte mich, wie Papa damit umging. Ich fragte mich vieles.
Eine Woche später trafen wir alle zusammen. Nicht in Schwarz, aber auch nicht in Bunt. Ich wollte stark bleiben. Dachte, ich würde es durchhalten. Alle fingen an, ihre Tränen zu vergießen und ich hielt dem Stand. Ich ertrug es, die Holzkiste zu sehen und auch als ich die Schriften auf den Blumensträußen las, konnte ich mich zusammenreißen. Die Orgel begann zu spielen.. Meine Augen brannten. Der Herr vorne fing an zu reden und ich konnte diese Mauer nicht mehr aufrecht erhalten. Meine Hände waren nass, ich konnte kaum atmen. "Wie du sie jeden zweiten Sonntag nach Hause fuhrest und mit deiner Frau und eurer Nachbarin noch in Sielbeck Essen warst, so wird dich deine Enkelin in Erinnerung behalten." Er erwähnte mich, dort vorne. Ich sah ihn an, blickte in seine Augen und fragte mich, wie er das einfach so vorlesen konnte, ohne selbst von den Tränen ergriffen zu werden.
Dieser Tag tat weh. "Ich wollte grad fragen, wo Opa ist", sagte Oma, als wir danach zusammen etwas Kleines essen waren. Sie liebt dich, Opa. Wir alle lieben dich. Du warst der einzige richtige Opa, den ich je hatte. Und ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, Opa. Ich frage mich heute noch oft, warum ich damals nichts getan habe, wobei ich es doch eigentlich wusste. Und noch heute bist du für mich eigentlich noch da. Nur eben nicht dann, wenn ich bei dir Zuhaus bin. Du bist bestimmt einkaufen.. Oder eben im Bad. So fühlt es sich an. Du wirst immer in meinem Herzen sein, Opa.
Es ist das dritte Mal, dass ich deswegen weine. Du bist bei mir. Ich weiß es. Und du wirst es immer sein. Ich liebe dich, Opa. Und irgendwann werde ich auch wieder bei dir sein. Solange werde ich hoffen, dass du siehst, was ich erreiche und was aus mir wird. Du bist der Beste Opa, vergiss das bitte nie ♥

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